Die lieblichen Sänger des Feldes,
Ach, nackt, und zum Fraße bereit,
Ihr werdet doch Lerchen nicht essen?
Mein Gott, ihr wär’t nicht gescheidt!

Die Lerche, die wahre Poetin,
Zum Himmel schwingt sie sich auf,
Ihr Nestlein sorglos am Boden,
Die Senner treten darauf.

Allein der Bauer vom Lande,
Er hat ein natürliches Herz, –
Mit Schonung schwingt er die Sense,
Die Sense von Stahl und Erz.

In Leipzig aber schlachten
Die singenden Kehlchen sie,
Ach, nackt und klein zum Erbarmen –
Ein Schlachten der Poesie!

Hier ist der Dichterin – wenn auch aus dem
edlen Bewegungsgrund der Tierliebe – ein gradezu entsetzlicher Irrtum passiert, der ihr
die Todfeindschaft der gesamten Sachsen-
stadt einbrachte.
Die weltbekannten „Leipziger Lerchen“
sind nämlich keine Vögel, sondern ein
höchst wohlschmeckendes Makronen-
gebäck.

Sehr geehrter Herr Kiessling,

in Bezug auf die "Leipziger Lerchen" irrte Friederike Kempner leider nicht!

Das leckere Gebäck wurde erst (als Ersatz)
kreiert, nachdem der sächsische König im
Jahre 1876 das Fangen von Lerchen verboten hatte. 

Vorher wurden unfassbar viele Lerchen zum Verzehr gefangen.

Mit freundlichen Grüßen
Ute Lange

Liebe Frau Lange,

vielen Dank für Ihren Hinweis. Ich glaube,
dass es sehr schwierig ist, zu beurteilen,
ob sich Friederike Kempner hier irrte oder
nicht. Die erste Auflage ihrer Gedichte
erschien 1880 (die letzte 8. Auflage 1903),
also zu einem Zeitpunkt, in dem das
"Lerchen-Fang-Verbot" schon galt. Wie dem
auch sei, ich habe Ihre Anmerkung als
Appendix an das Gedicht angehängt und überlasse die Interpretationen dem Leser.

Lieber Herr Kiessling,

das ist eine gute Lösung! 
Ich meine gelesen zu haben, dass ihre
Gedichte bereits 1873 veröffentlicht wurden.
Aber da bin ich nicht sicher.
Zumindest waren es nicht sehr viele Jahre
nach dem Verbot. Und dass es so war, ist ja Tatsache. Allerdings haben nicht nur
Leipziger und Sachsen Lerchen gegessen, sondern viele Andere auch noch. Auch "prominente" Leute aus dem Ausland, wie Giacomo Casanova. Aus Sachsen kamen
auch die Proteste, die dann zum Verbot
geführt haben.
Insofern hätte sie den Sachsen Unrecht getan und auch wieder nicht.
Aber das soll jeder für sich entscheiden. Da kann ich Ihnen nur recht geben.